Gipfelglück auch für Georg; von einer Lawine überrollt - Todesangst beim Abstieg...
Als ich den unteren Teil des Grates erreiche, sehe ich unter mir drei Bergsteiger, die sich unendlich langsam die Steilflanke hinaufquälen. Der Vordere hat die gleiche Jacke wie Georg, denke ich stumpfsinnig vor mich hin. Dann schießt mir plötzlich der Gedanke durch den Kopf, daß der Kerl mit der Berghaus-Jacke doch Georg sein könnte. Nach einer Weile bin ich mir völlig sicher, "Schorch" ist unterwegs zum Gipfel. Meine Freude kennt keine Grenzen. Ich setze mich in den Schnee und kann es einfach nicht glauben. Wie in Trance steigt mein Kamerad aus der Flanke und erwidert meine überschwängliche Begrüßung nur flüchtig. "Ich weiß nicht ob ich wieder runterkomme, aber ich werde raufkommen", höre ich ihn mit gepreßter Stimme sagen. Ich überlasse Georg meine Skistöcke, übernehme seinen Eispickel und folge ihm noch einmal in Richtung Gipfel. Gegen 16 Uhr stehen wir endlich zusammen auf dem Gipfel des McKinley (Bild 030). Die enormen Spannungen und Zweifel der vergangenen vierzehn Tage entladen sich in unkontrollierbaren Gefühlsausbrüchen. Es fließen Freudentränen, die in den Barthaaren zu Eis erstarren. Wir haben in den letzten Jahren hart für diesen Augenblick gearbeitet und ich bin sehr froh, daß auch Georg den verdienten Gipfel erreicht hat. Nachdem wir alle Aufnahmen im Kasten haben, wird es Zeit an den langen Abstieg zu denken, denn ein Gipfel gehört dir erst, wenn du wieder unten bist.Auf dem Sportsground stolpern uns zwei Gestalten entgegen, die sich kaum noch auf den Beinen halten können. Beim Anblick des steilen Gipfelaufbaues fällt der ältere von den beiden auf die Knie, legt Hände und Kopf über den Pickel und pumpt gierig den spärlichen Sauerstoff der Atmosphäre durch seine Lungen. Doch ein starker Willee bringt ihn wieder auf die Beine und treibt den erschöpften Körper weiter in Richtung Gipfel. Gegen 22 Uhr erreichen wir unseren "Adlerhorst" auf der West Buttress. Nach über fünfzehn Stunden unbeschreiblicher Anstrengung ist die Müdigkeit stärker als Hunger und Durst. Kaum im Schlafsack, sind wir auch schon im Reich der Träume.
Ein quälendes Durst gefühl weckt mich am frühen Morgen. Auch Georg ist schon wach und klagt über entsetzlichen Durst. Wir sind total dehydriert, was in dieser Höhe sehr schnell zu Problemen führen kann.
Das Wetter ist wieder umgeschlagen, ein leichter Wind treibt dicke Schneeflocken durch das Hochlager. Wie nahe sind doch Himmel und Hölle an diesem unberechenbaren Berg. Obwohl es gar nicht besonders kalt ist, gelingt es mir einfach nicht, den Kocher zum Brennen zu bewegen. Nach unzähligen Versuchen beginne ich das lebenswichtige Gerät zu zerlegen. Leider habe ich den unverzeihlichen Fehler gemacht und das Reparaturset im Depot unter der West Buttress zurückgelassen. Die Not läßt uns jedoch das Wunder vollbringen die Verschraubungen mit einem Messer und einem Dosenöffner zu lösen. Nachdem die verschmutzte Düse gereinigt ist, funktioniert das Gerät wieder einwandfrei . Aber unser Benzin geht zur Neige.
Um die Mittagszeit tauchen drei Amerikaner im Schneetreiben auf und steigen zu unserem Lager ab. Ihre Gesichter sind mit einer Eiskruste überzogen, was ihnen ein gespenstisches Aussehen verleiht. Leider bringen sie keine guten Nachrichten mit, das Wetter soll für mehrere Tage schlecht werden und obendrein sei auch noch ein schwerer Sturm im Anmarsch. Auch wir entscheiden uns für den Abstieg. Als wir im Schneegestöber das schützende Zelt abbauen und unter dem Neuschnee nach Ausrüstungsteilen suchen, ist uns beiden die Sache nicht geheuer. Doch wir haben gar keine andere Wahl, da wir ohne Benzin, bei schlechtem Wetter verloren wären.
Georg und ich verlassen mit sehr schweren Traglasten das Hochlager. Nach längerem "Wühlen" finden wir endlich das verschneite Fixseil in der Scharte und sichern uns mit einem Karabiner. Der Abstieg in die steile, verschneite Flanke ist leichter als wir angenommen hatten. Wir kommen zügig tiefer und wagen es sogar noch Fotos zu machen.
Dann, etwa 150 Meter unter dem Grat, gerät die Flanke in Bewegung. Wie in Zeitlupe fließt die Neuschneeaulage um meine Beine, wird schneller, staut sich dann an meinem Körper und steigt an mir hoch bis zur Brust. Voller Entsetzen versuche ich dem enormen Druck der Schneemassen standzuhalten. Vergeblich, wie eine Planierraupe drückt mich das Schneebrett nach hinten in die Tiefe. Es vergehen Sekunden, in denen ich das Gefühl habe, in einem Betonmischer zu stecken. Dann geht ein gewaltiger Ruck durch meinen Körper und es wird dunkel. Ich kann nicht mehr atmen, weil Mund und Nase voller Schnee sind. Endlich wird mir klar, daß ich mit dem Kopf nach unten an einem der Ankerpunkte des Fixseiles hänge. Ein straffes Seil führt nach unten, zu meinem Kameraden, der reglos in der Steilflanke baumelt. Ich will ihm rufen, aber ich weiß seinen Namen nicht mehr. Verzweifelt schreie ich einfach drauflos. Als endlich Bewegung in den Schneeklumpen unter mir kommt, läßt die unerträgliche Spannung etwas nach. Mit viel Mühe gelingt es mir, aus den Trageriemen der kopflastigen Kraxe zu schlüpfen, um wieder auf die Beine zu kommen. Auch Georg scheint nicht ernsthaft verletzt zu sein. In den folgenden drei Stunden, in denen wir ohne die Hilfe eines Fixseiles durch die lawinenträchtige Steilflanke absteigen, nehme ich mir vor, nie wieder Steigeisen zu tragen und nie wieder einen Eispickel in die Hand zu nehmen (Bild 031).
Wenn ich diesen Horrortrip nur lebend überstehe, soll die Berge der Teufel holen.
Nach einer Weile stellen sich starke Schmerzen in meinem linken Fußgelenk und in meinem linken Oberschenkel ein. Als wir endlich das Lager unter der West Buttress erreichen und den Gefahrenbereich verlassen, verspüre ich eine unbeschreibliche Erleichterung.
Aber unser Abenteuer ist noch lange nicht überstanden. Noch in dieser Nacht macht uns der große Berg eine weitere Rechnung auf, denn der angekündigte Sturm donnert über unser Lager und hält uns für zwei Tage gefangen. Das geknatter der Zeltbahne, die bei den heftigen Böen zu zerfetzen droht, geht ein weiteres Mal empfindlich an die Nerven. Da es unmöglich ist im Freien zu kochen, graben wir uns eine Kochhöhle in die Wand unserer Schneeburg.
In diesen zwei Sturmtagen (5. und 6. Juni 1990) sterben am McKinley drei Menschen.
Ein Japaner erfriert, weil er sein Zelt nicht mehr findet und zwei Amerikaner, die sich vom "Cassins — Ridge" zu unserem Lager durchschlagen wollen, stürzen ab und werden später auf einem 2000 Meter tieferen Gletscher gefunden.
Mein Fuß ist inzwischen so dick angeschwollen, daß ich nur mit Mühe und Schmerzen in meine Bergstiefel komme. Als der Sturm abflaut, setzen wir den Abstieg fort. Drei Tage später landet die kleine Cessna von Jim Okonek im Kahiltna-Basecamp und trägt zwei angeschlagene aber glückliche Bergkameraden zurück nach Talkeetna (Bild 032)!
Gipfel und Abstieg
Bericht und Fotos: Hans-Artur Schütz
Rückblick
Inzwischen ist es fast 20 Jahre her, dass ich auf dem Gipfel des McKinley stand. Das unbeschreibliche Glücksgefühl, das Georg Schmal und ich dort oben verspürten, empfinde ich auch heute noch, wenn ich meine Bilder betrachte oder in meinem Alaska-Tagebuch lese.
Ich wurde oft gefragt: "Wofür quält ihr euch wochenlang auf einen lebensfeindlichen Gipfel, auf dem es außer Erfrierungen nichts zu holen gibt?"
Irrtum! - Ich habe dort oben etwas bekommen was sich niemand für alles Geld dieser Welt kaufen könnte.
Besteigen kann ich diesen Berg nicht noch einmal. Aber ich möchte ihm irgendwann noch einmal gegenüberstehen!
Hier endet der Bericht von Hans-Artur Schütz.
Trotz seines Gelöbnisses in der Not, ...nie mehr Steigeisen und ...der Teufel soll die Berge holen, ist für ihn das Bergsteigen ein Teil seines Lebens. Und so war er dann im Anschluß an oben geschilderten Besteigung des Mount McKinley und auch jetzt in heutiger Zeit wieder verstärkt auf einigen 4000er in den Alpen unterwegs. Er kanns halt nicht lassen - so nach dem Motto: einmal Bergsteiger - immer Bersteiger! Er liebt die Berge und teilt diese Faszination wohl mit vielen anderen.
Einladung: Multivisionsvortrag "Berge und Täler rund um Oberstdorf"
So war er im Raum Oberstdorf und hat einen Vortrag über die Berge und Sehenswürdigkeiten dort zusammengestellt, den er den Bürger der Verbandsgemeinde Hachenburg im großen Saal der VG am
07. Januar 2010 um 20 Uhr mit neuester Technik zeigen möchte und lädt besonders die Mudenbacher dazu herzlich ein!
Rückblick
Inzwischen ist es fast 20 Jahre her, dass ich auf dem Gipfel des McKinley stand. Das unbeschreibliche Glücksgefühl, das Georg Schmal und ich dort oben verspürten, empfinde ich auch heute noch, wenn ich meine Bilder betrachte oder in meinem Alaska-Tagebuch lese.
Ich wurde oft gefragt: "Wofür quält ihr euch wochenlang auf einen lebensfeindlichen Gipfel, auf dem es außer Erfrierungen nichts zu holen gibt?"
Irrtum! - Ich habe dort oben etwas bekommen was sich niemand für alles Geld dieser Welt kaufen könnte.
Besteigen kann ich diesen Berg nicht noch einmal. Aber ich möchte ihm irgendwann noch einmal gegenüberstehen!
Hier endet der Bericht von Hans-Artur Schütz.
Trotz seines Gelöbnisses in der Not, ...nie mehr Steigeisen und ...der Teufel soll die Berge holen, ist für ihn das Bergsteigen ein Teil seines Lebens. Und so war er dann im Anschluß an oben geschilderten Besteigung des Mount McKinley und auch jetzt in heutiger Zeit wieder verstärkt auf einigen 4000er in den Alpen unterwegs. Er kanns halt nicht lassen - so nach dem Motto: einmal Bergsteiger - immer Bersteiger! Er liebt die Berge und teilt diese Faszination wohl mit vielen anderen.
Einladung: Multivisionsvortrag "Berge und Täler rund um Oberstdorf"
So war er im Raum Oberstdorf und hat einen Vortrag über die Berge und Sehenswürdigkeiten dort zusammengestellt, den er den Bürger der Verbandsgemeinde Hachenburg im großen Saal der VG am
07. Januar 2010 um 20 Uhr mit neuester Technik zeigen möchte und lädt besonders die Mudenbacher dazu herzlich ein!







