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Flug in den Tod - Absturz einer JU 88 im Januar 1945

Bericht von Hannelore Schäfer - 2011

Absturz einer JU 88 kurz nach dem Start!


Heute, am 13. Januar 2012 um 04:56 Uhr, veröffentliche ich diesen Bericht - heute vor 67 Jahren ereignete sich folgendes:


Es war der 13. Januar 1945, einige Monate vor Kriegsende, als eine Nachtjägermaschine vom Typ JU 88 G6 zu einem Feindflug vom Fliegerhorst Ahlhorn (südlich von Oldenburg an der Nordsee) startete. Das Flugwetter war optimal. Es waren vier Besatzungsmitglieder an Bord der Maschine, darunter Uffz. Helmut Schneider aus Hanwerth, 22 Jahre alt, der Vater von Hannelore Schäfer, Peter Schneider und Helma Hülpüsch (Helma wurde erst kurze Zeit später geboren).

 

Bereits ein paar Minuten nach dem Start und wenigen Flugkilometer erfolgte jedoch ohne Feindeinwirkung der Absturz in den Wald bei Ahlhorn. Es war 04:56 Uhr am frühen Morgen. Von den vier Besatzungsmitglieder überlebte keiner diesen Absturz.

Wenige Stunden zuvor war eine baugleiche Maschine vom Typ JU 88 ebenfalls kurz nach dem Start vom Fliegerhorst Ahlhorn abgestürzt. Da keine der beiden Maschinen brannte, wurde im Nachhinein Sabotage vermutet. Eigenes Bodenpersonal schickte die Maschinen wohl ungetankt zum Start. Vermutungen lassen den Verdacht offen, das damit das nahende Kriegsende beschleunigt werden sollte. Man sehnte wohl das Ende des völkervernichtenden Irrsinns herbei.
Helmut Schneider und seine drei Kameraden wurden auf dem Soldatenfriedhof in Ahlhorn beigesetzt. Bekannt wurde dies bei den Nachkommen Anfang der 60er Jahre. Seit dieser Zeit wurde der Ehrenfriedhof fast jährlich von den Kindern besucht. Bis auf einige Dokumente war das aber alles, was von dem Absturz bekannt war.

 

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Die jeweilige Bildbeschreibung ist lesbar, wenn der Maus-Pfeil zu der linken, oberen Bildkante wandert!

 

Flug in den Tod - Teil1

Bis zum Jahre 2010, als Hermann Wilke aus Ahlhorn bei Aufforstarbeiten im Wald auf ein Blechteil stieß. Es war dem ehemaligen Berufssoldat sofort klar, dass es sich um eine Erkennungsmarke handelte. Diese Marke war gut erhalten; die Nummer 51618/131 gut lesbar - was neben dem Zufallsfund an ein weiteres Wunder grenzte. Über 65 Jahre hatte dieses Stück Edelstahlblech der Witterung, dem Boden und dem Rost getrotzt. Im Technikmuseum Berlin teilte man Herr Wilke mit, dass die Entdeckung der Marke, zumal in diesem Zustand, bei einer Chance von eins zu Zigmillionen stand. Ein Foto zeigt übrigens Helmut Schneider in einer Kaserne mit seiner Erkennungsmarke; auch solch ein Zufall, denn es ist eines der wenigen Fotos, die einen Soldaten mit seiner Erkennungsmarke zeigen.

Flug in den Tod - Teil2

Dann begann für den ehemaligen Bundeswehr-Hubschrauberpilot Wilke die Suche nach weiteren Teilen der Maschine. Zusammen mit Bekannten und deren Metalldetektor fanden Sie fast 200 verschiedene Teile der Maschine, die dann zur weiteren Sichtung erst einmal in seiner Garage in Kartons landeten. Im Anschluß wurde dann die Bürokratie eingeschaltet. Herr Wilke knüpfte Beziehungen zu verschiedenen Auskunftsstellen für Angehörige der ehmaligen Wehrmacht in Berlin, ebenso zum Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge, zum Verein Flieger-Flugzeuge-Schicksale usw.. Nach einigem Wirrwarr stellt sich dann nach vier Monaten heraus, dass Helmut Schneider der Träger der Erkennungsmarke war. Der Ort "Hanwerth" hatte sich mittlerweile in "Mudenbach" geändert, so dass dies alles die Suche kompliziert gestaltete.

Flug in den Tod - Teil3

Nun knüpfte Herr Wilke Kontakte mit der Kirchengemeinde Kroppach, wo Helmut Schneider im Kirchenbuch eingetragen sein müsste. Dort begann ein weiteres kleines Wunder, denn Renate Schumacher vom Kirchenbüro, eine gute Bekannte von Hannelore Schäfer, schaltet diese ahnungslos in die Suche nach Angehörigen eines toten Soldaten namens Helmut Schneider ein, dessen Marke gefunden wurde.

Hannelore bekam die Worte kaum über ihre Lippen, als sie ihr antwortete: "Ich habe ihn nicht mehr gekannt, aber ja, das war mein Vater!". Sie brauchte eine Weile, ehe sie diese Nachricht verarbeiten konnte, setzte sich jedoch umgehend mit Herr Wilke in Verbindung, der nach langwieriger Suche und Recherchen von dieser schnellen Aufklärung dann doch überrascht war.

 

Tod in den Flug - Teil4

Beim Rückblick fanden alle Schneider-Nachkommen Worte des höchsten Lobes für Familie Wilke, welche sie bei ihrem Besuch in Ahlhorn und bei der Übergabe der Marke an der Absturzstelle aufs beste informierte und als Gastgeber begleitete.
Hans Wilke, ein Onkel von Hermann Wilke, war als 9-jähriger Junge einer der ersten an der Absturzstelle. Er kann sich noch erinnern, dass er sehr betroffen war von der Grausamkeit des Unglückes, denn es waren seine ersten Toten, die er sah. Er war bei der Übergabe der Marke ebenfalls dabei.

 

Im Februar 1945 wurde der Fliegerhorst bei einem schweren Bomberangriff durch die Royal Air Force fast völlig zerstört. Danach wurde der Flugbetrieb von diesem Flugplatz von der deutschen Luftwaffe nicht mehr aufgenommen.

Heute dient das Flugplatzgelände als Gewerbepark, wobei die Flughafenstruktur genutzt wird bei Instandsetzungen und Wartungen von Flugzeugen.


Die drei Geschwister wuchsen somit ohne Vater auf, so wie etwa 2 Millionen anderer deutscher Kriegswaisen. Hinzu kam dann noch, das auch ihre Mutter sehr früh verstarb, so dass sie nun bei ihren Großeltern in Hanwerth aufwuchsen. Dieses Stück Blech mit der eingestanzten Nummer 51618/131 ist wohl die letzte Gewissheit und ein Gruß ihres Vaters an die Kinder.
Nun findet die Erkennungsmarke bei Hannelore und ihren Geschwister Peter und Helma einen Ehrenplatz.

Ich selbst als Gestalter dieses Artikels habe neben den alten und neuen Fotos die Erkennungsmarke in der Hand gehalten. Es war auch für mich ein bewegender Augenblick, in der Hoffnung, dass keine Generation mehr solch einen Wahnsinn, solche brutale Wirklichkeit eines Krieges mehr miterleben sollte - und das nicht nur bei uns, sondern überall auf unserer Erde.
 
Der Text stammt von Hannelore Schäfer und deckt sich weites gehend auch mit den veröffentlichten Zeitungsberichten in der Nordwest-Zeitung, der Wildeshausener Zeitung sowie der Westerwälder Zeitung, siehe Fotos im Bericht. Die Fotos der JU 88 sind frei zur Veröffentlichung, alle anderen Fotos stammen ebenfalls von Hannelore Schäfer. Ich danke ihr, Peter und Helma für die Freigabe zur Veröffentlichung.


Rainer Thiel



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